interview Nina Hoss

Was waren Ihre ersten Eindrücke für Ihre Figur Emily Meyer?

Als ich das Drehbuch gelesen habe, war ich erstmal erstaunt. ich wuss-te sehr wenig über den Goldrausch in Klondike, ich wusste auch nicht, dass Frauen dieses Abenteuer überhaupt gewagt hatten. ich habe dann Thomas Arslan nach den historischen Vorlagen gefragt und angefangen, mehr darüber zu lesen, einiges dazu habe ich am Ende noch in Kanada gefunden. Die Frauen, die in diesen Berichten vorkamen, haben mich sehr inspiriert für die Figur. Es gab die Abenteurerinnen, und es gab die Business-Frauen. Die einen sind eher losgezogen, um dort ein Geschäft aufzubauen, eine Bäckerei, eine Wäscherei, andere wollten tatsächlich Gold suchen.
Was mich ebenfalls fasziniert hat, war diese Hoffnung Emilys, die Hoffnung auf ein neues Leben, die sie die Strapazen dieser Reise auf sich nehmen lässt. Sie sagt das im Film: Da ist nichts, wofür es sich lohnen würde, zurückzugehen, für mich gibt es nur eine Richtung, nach vorne. ich hatte das Gefühl, dass das eine sehr willensstarke Frau ist, die sehr viel aushält, die durchhält und dabei immer offener wird, dem Leben gegenüber, der Natur gegenüber.

Was ist der Ausgangspunkt Emilys bei dieser Geschichte, dieser Reise?

Ich habe mir gedacht, zu Beginn, wenn man in dieser Zeit alleine als Frau auf eine Gruppe mit diesen ganzen Männern stößt, dann beobachtet man erstmal. Das habe ich auch in den Berichten der Frauen gefunden, dass es da immer eine Gefahr gab, dass man sich diese Männer eben auch vom Leib halten musste. Das musste erstmal austariert werden: Mit wem habe ich es hier zu tun, wem kann ich mich öffnen, mit wem kann ich mich in dieser Gruppendynamik verbünden.
Emily kann sich einstellen auf die Umstände. Sie ist schon alleine mit dem Schiff von Bremen nach New York gefahren, das zu der Zeit ein Moloch war, das düster war, so dass man als Frau tatsächlich fast nur hoffen konnte, gut zu heiraten. Das hat sie getan, das ging nicht gut aus, und sie hat sich aus dieser Ehe ... vielleicht nicht gerade befreit, aber doch gelöst. Sie hat gesagt: Das ist nicht mein Leben. ich muss etwas völlig Neues wagen. Und sie hört vom Goldrausch und macht sich auf. Womit sie meines Erachtens überhaupt nicht gerechnet hat, eben- sowenig wie die anderen, das war die Beschwerlichkeit dieser Reise.

Kann man diese Entwicklung Emilys als eine der Emanzipation beschreiben, vielleicht auch als eine der Abenteuerlust?

Ja, ganz bestimmt. Sie sagt, ich bin jetzt in diesem neuen Land, da kann mir keiner sagen, was richtig und was falsch ist. Mit dieser Vorstellung sind viele Frauen damals losgegangen. Martha Black, die 1898 nach Klondike ging und später eine der ersten Parlamentarierinnen Kanadas wurde, hat geschrieben, dass sie nicht losgegangen ist, um Sicherheit zu finden, sondern um sich zu befreien, um Abenteuer zu erleben. Diesen Drang gab es bei den Frauen dieser Zeit. Und das Einfachste, das umzusetzen, ist, dass man da hingeht, wo es noch keine fertige Gesellschaft gibt, sondern wo alle eigentlich ums Überleben kämpfen. in den Berichten der Frauen von damals kam auch vor, dass sie irgendwann gewagt haben, den Rock über dem Knöchel zu kürzen, das ging eigentlich nicht, das war richtiggehend verboten. Und irgendwann haben die Frauen sich darüber hinweggesetzt, so wie Emily sich später von dem Korsett befreit, das sie am Anfang trägt. Dem nachzugehen und nachzuspüren, was das für Frauen gewesen sein mussten, die diese Zwänge gesprengt haben, die sich eigentlich ohne Vorbilder befreit haben, das hat mich auch noch interessiert. ich hatte vor den Dreharbeiten selbst eine Recherchereise gemacht, nach Dawson City, weil ich wissen wollte, wo Emily eigentlich hinwill, was sie da erwartet hätte. Und da spürt man das auf eine bestimmte Weise immer noch, diesen Abenteuergeist, den man da auch braucht, um die Winter bei minus 50 Grad durchzustehen. Man hat da so ein wunderbares, verführerisches Gefühl. ich habe gedacht, das hat die Emily auch, sie hat so eine Abenteuerlust, so ein Fieber, das immer mehr herauskommt, wenn es am Ende nur noch ums Durchhalten geht.

Wie haben Sie selbst die Weite Kanadas, die Landschaften erlebt? Hat die Umgebung den Film auf eigene Weise beeinflusst?

Wir waren acht Wochen ununterbrochen dort, mehr oder weniger mitten in der Natur, und ich hatte überhaupt keine Sehnsucht nach Stadt. Das war etwas sehr besonderes, diese Erfahrung dort, mit Emily und mir selber. Es war auch etwas Besonderes, mit den Tieren zu arbeiten. ich bin vorher nie geritten, ich wusste gar nicht, ob das wirklich etwas für mich ist und ich hatte da auch großen Respekt vor. Aber dann haben wir erst in Deutschland einen großartigen Lehrer gehabt und später in Kanada die „Wrangler“ selber, die mir so ein gutes Gefühl für die Tiere gegeben haben, dass ich wirklich eine Beziehung zu ihnen aufbauen konnte.
Und dann morgens mit Bess, so hieß mein Pferd, zum Drehort zu reiten ... Da liebe ich meinen Beruf, da braucht man schon fast keine Einfühlung mehr. Du wachst auf, du siehst die Pferde grasen, da liegt Tau auf der Wiese, nachts heulen die Kojoten, dieses Gefühl der Einfachheit ... das war dort auch unsere private Stimmung.

Was passiert mit Emily auf dieser Reise, auf diesem Weg?

Jeden, der ausgewandert ist, hat auf eine gewisse Weise diese Art zu denken ergriffen, dieser „American Dream“, dass alles möglich ist, dass man sich neu erfinden kann, dass man vielleicht auf Reichtum stößt und endlich das Leben leben kann, das man schon immer leben wollte. So geht man vielleicht los, aber irgendwann geht es tatsächlich um den Weg. Das ist für mich das interessante, dass sich Emily plötzlich öffnet. So habe ich das empfunden. ich glaube, dass sie sich entschieden hat, ja, ich reite da mit, das wird sicher beschwerlich, aber so lange wird es schon nicht dauern. Da dem aber nicht so ist, öffnet sie sich für den Weg und das, was ihr da begegnet. Sie wird schon auf dem Weg frei.


Interview: Felix von Boehm